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Knut und Kalle

15 Mrz

Knuts freier Tag

Es ist Sonntag und Knut liegt im Bett. Seine langen Beine schauen fast zur Hälfte über die Kante, die Zehenspitzen hängen knapp über dem Boden. Draußen brausen Busse, kreischen Kinder und schrillen Sirenen, aber Knut lässt sich in seinem Schlaf nicht stören. Das Schlummern ist ihm das Liebste auf der Welt; meistens träumt er sogar davon. Knut ist Realist, wahrscheinlich mehr als jeder andere Mensch, und dennoch stets zufrieden. Wie jeden Morgen weckt ihn die Sonne. Er blinzelt verschlafen, gähnt und schmatzt genussvoll, bevor er das kleine Stückchen Richtung Bettende rutscht, das nötig ist, damit seine Füße Bodenkontakt bekommen. Er erhebt sich, reibt sich den Schlaf aus den Augen, wendet sich zu seinem Bett um. Es steht exakt in der Mitte des Zimmers, dessen Boden von einer Wand bis zur nächsten mit unzähligen (genau genommen sind es 364), winzigen Kreidemarkierungen bedeckt ist. Knut setzt beide Hände an das Gestell und schiebt es sorgsam Eins Komma Drei Millimeter weiter auf die nächste Markierung. Knut möchte nämlich jeden Morgen zur selben Zeit von der Sonne geweckt werden.

Sein Tag ist eng gestrickt. In den nächsten fünf Sekunden wird er sich umdrehen, zwei Schritte zu seinem Esstisch gehen, sich hinsetzen und das Brot essen, das auf seinem Teller auf ihn wartet. Heute ist es Marmelade. Die nächsten acht Minuten wird er die Brote für das Frühstück der nächsten Woche streichen – sieben mal Marmelade – in Folie wickeln und auf seinem Teller aufeinander stapeln. Den Rest seines freien Tages wird er damit verbringen seine Uniform anzuziehen, zum Revier zu fahren, sich auf eine Parkbank davor zu setzen und das „Gesetzbuch der Ordnungswidrigkeiten“ Seite für Seite durchzulesen, wie er es jeden Sonntag tut.

Fazit: Knut ist gezeichnet von seiner Gedankenlosigkeit und einer daraus resultierenden Zufriedenheit, deren Unerschütterlichkeit wohl jeden Buddhisten vor Neid erblassen lassen würde. Egal ob Ernährung, Hygiene, oder Haushalt: Knut hat all seine Abläufe bis ins kleinste Detail durchgeplant. Dennoch hetzt er nie, macht alles in seinem eigenen, gemütlichen Tempo. Nicht benötigte Pufferzeit verbringt er sitzend, stehend, oder liegend, dabei stets in der behaglichen Leere seiner Gedanken versunken. Seine gesamte Existenz gründet sich so sehr auf Automatismen, dass ihm jede Fähigkeit, spontan Entscheidungen zu treffen, abhanden gekommen ist, aber dafür hat er im Ernstfall ja Kalle, seinen Partner.

knut_kalle

Kalles Gesetz 

Eigentlich ist Kalle ein ganz friedlicher Kerl. Zumindest wäre er das gerne, aber seine Umwelt zwingt ihn ja förmlich dazu, im Minutentakt an die sprichwörtliche Decke zu gehen. Der Nachbar, der seinen Rasen natürlich grade dann mähen muss, wenn Kalle in der Badewanne liegt; der Busfahrer, der grade dann durch ein Schlagloch fährt, wenn Kalle sich mit dem Stift in der Nase bohrt; die Viren, die ihn natürlich grade dann krank machen, wenn sein Urlaub bevor steht… und überhaupt macht der Büro-Automat seinen Kaffee immer zu dünn, oder zu heiß. Das kann doch alles kein Zufall sein. Die Welt muss sich gegen ihn verschworen haben! Aber er wird es ihnen allen zeigen, seinem Nachbarn, dem Busfahrer, diesem blöden Kaffeeautomaten: Er schreibt sie ALLE auf seine Liste. Das haben sie dann davon!

Fazit: Kalle sieht sich als Opfer der Umstände, wobei „Umstände“ alles von seinen Mitmenschen bis zum Wetter beinhaltet – und sieht in jedem nicht von ihm bewilligten Vorgang eine Störung und in jeder Störung eine beleidigende Absicht. Durch seinen Job beim Ordnungsamt versucht er aktiv aus der eingebildeten Opferrolle auszubrechen, sich gegen seine feindselige Umwelt zur Wehr zu setzen und so betrachtet er das ihn umgebende Geschehen mit Argwohn, stets vermutend, dass z.B. die ältere Frau, die grade mit ihrer Gehhilfe die Straße überquert, irgendetwas im Schilde führt. Wäre er nicht so unbeherrscht und sein Motiv nicht so egozentrisch, man könnte ihn durchaus als eine Art Don Quijote unserer Zeit betrachten. So ist er einfach ein dicker, selbstgerechter Mann, der wegen jeder Kleinigkeit gleich einen Aufstand veranstaltet und sich dabei noch im Recht fühlt.

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5 Kommentare

Verfasst von - 15. März 2013 in Concept Art

 

5 Antworten zu “Knut und Kalle

  1. FrauSamsom

    16. März 2013 at 12:57

    verlost ihr immer noch keys ?